Ein Blick in die bewegte Geschichte

Gräfin Viktoria von Butler aus Haimhausen

Ordensgründerin – Sozialreformerin – Frauenrechtlerin

Zu den bedeutendsten Frauengestalten Deutschlands im 19. Jahrhundert zählt Gräfin Viktoria (Victorine) von Butler-Clonebough genannt zu Haimhausen (1811-1902), die zu Recht als „Wohltäterin“, „Sozialreformerin“ und „Frauenrechtlerin“ bezeichnet werden darf. Sie gründete mehrere Einrichtungen und Häuser für Waisen, Arme, Erziehungsanstalten für Mädchen und rief verschiedene religiöse Gemeinschaften zur Betreuung und Pflege dieser ins Leben, u.a. im Jahre 1861 auch die „Association der Diener und Dienerinnen der göttlichen Vorsehung“ zum Zwecke der „Errichtung von Anstalten für arme und hilfsbedürftige Personen weiblichen Geschlechts“.

Am 26. September 1862 erwarb sie für die Association in Schönbrunn das heruntergekommene Schlossgut, um eine allgemeine Erziehungs- und Ausbildungsanstalt für Mädchen kombiniert mit einer Anstalt für „geistig und leiblich arme Individuen“ weiblichen Geschlechts einrichten zu können. 1863 holte sie die ersten „Laienschwestern“ aus Haimhausen/Ottershausen nach Schönbrunn, die ursprünglich aus einem von Victoria in München gegründeten Institut stammten. 1866 zog sich Victoria aber, endgültig wohl 1869, aus ihrer Association zurück und überließ sie ihrem Schicksal.

 

Leben in Schönbrunn

In den Anfangsjahren traten viele Frauen in Schönbrunn in die Schwesterngemeinschaft ein, mehr als die Hälfte von ihnen verließ Schönbrunn bald wieder. Es ist zu vermuten, dass die harte Arbeit und die unsichere wirtschaftliche Lage der Anfangsjahre die Austritte begünstigten.

Bis in die 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts war für die Leitung der Anstalt ein geistlicher Direktor bestellt. Erster Direktor  und geistlicher Leiter war Sebald Kanzler (bis 1884), der zusammen mit seiner Schwester Angela, der ersten Oberin, die Einrichtung führte. Unter ihrer Leitung änderte sich der Zweck der Anstalt in: Wart, Pflege und Erziehung kretinöser, schwachsinniger, epileptischer, gebrechlicher und armer, hilfsbedürftiger Menschenkinder, jeglichen Alters und Standes, jeglicher Konfession und Nation. Von Anfang an wurde auf Weiterentwicklung und Bildung großen Wert gelegt, so dass es schon ab 1863/64 eine Schulklasse gab.

In den Jahren zwischen 1867 und 1873 wurde das wirtschaftliche Leben in Schönbrunn aufgebaut, z.B. durch zahlreiche Dienstleitungs- und Handwerksbetriebe (u.a. Brauerei, Ziegelei, Seifensiederei, Buchbinderei, Strickerei, Schuhmacherei,…). Ebenso entwickelte sich in dieser Zeit das Zusammenleben von Schwestern und BewohnerInnen (Pfleglinge genannt).

Daneben wurde auch die Freizeitgestaltung und das kulturelle Leben, für alle in Schönbrunn wohnenden Menschen, ausgebaut u.a. durch ein weithin bekannt gewordenen Theaters.

Die erste Kirche der damaligen Anstalt  Schönbrunn wurde 1881 gebaut, die Kapelle von 1867 war zu klein geworden.

Die „Laienschwestern“ schlossen sich der Lebensweise des III. Ordens des Hl. Franziskus von Assisi an. Die Schwesterngemeinschaft erhielt am 13. Januar 1911 die kirchenrechtliche Anerkennung als Kongregation bischöflichen Rechtes durch den Erzbischof von München und Freising und den Heiligen Stuhl, durch die Bestätigung der neu erarbeiteten Ordensregel.

 

 

Der zweite Weltkrieg und seine Auswirkungen

Zwischen 1939 und 1945 wurden insgesamt 905 Menschen aus Schönbrunn in staatliche Anstalten verlegt oder entlassen. Davon sind 546 zu Tode gekommen, v.a. durch die sogenannten nationalsozialistischen Euthanasiemaßnahmen. Bei anderen ist die Tötung sehr wahrscheinlich oder nicht auszuschließen. An der Südseite der Kirche St. Josef erinnert ein Mahnmal an die Opfer der Gewaltherrschaft. Am 27. Januar, dem Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, wird jedes Jahr an diese Männer und Frauen erinnert.

Durch die Fälschung von Unterlagen, das Verstecken oder Heimschicken von zu Betreuenden konnten die Schwestern viele Menschen vor dem Tod bewahren. Bei den Abtransporten haben die Schwestern den Menschen beigestanden und sie z.T. eine Strecke weit begleitet.

In die frei gewordenen Häuser in Schönbrunn wurden Münchner Krankenhäuser und Altenheime ausgelagert.

Weiterentwicklung und Neuorganisation

Seit der Nachkriegszeit veränderte sich zunehmend auch Schönbrunn: vom Krankenhauscharakter hin zu einem Zuhause, von der Erkenntnis verschiedener Bedürfnisse von psychisch kranken und/oder geistigen und/oder körperlich  behinderten Menschen, vom Blick auf die Behinderung hin zur Blick auf den Menschen.

1964 erreichte die Kongregation mit 384 Schwestern ihren Höchststand, auch hinsichtlich der Zahl der Betreuten (1960: 1388).

1977 wurde der letzte geistliche Direktor, Pfarrer Nikolaus Oster (+ 2015), für Schönbrunn berufen. In seiner Amtszeit vollzogen sich entscheidende Veränderungen.

1984/85 wird die Kirche St. Josef komplett restauriert. Kardinal Joseph Ratzinger, der spätere Papst Benedikt XVI., zelebrierte am 25. August 1985 die feierliche Altarweihe.

Durch den ausbleibenden Nachwuchs und das höhrere Lebensalter im Kloster wurde ab 1982 die Anstellung von weltlichen MitarbeiterInnen (Fach- und Hilfskräfte in Pädagogik, Pflege und Therapie) zunehmend umgesetzt, um den Auftrag der Franziskanerinnen, Menschen mit Behinderung in ihrem Leben zu unterstützen, weiterhin gewährleisten zu können.

100 Jahre hindurch haben die Franziskanerinnen von Schönbrunn sich den Auftrag der Gründung, Menschen mit Unterstützungsbedarf zu begleiten und zu fördern, zur Lebensaufgabe gemacht, bis sich ein Wandel in der Personalsituation durch die zurückgehende Zahl der Ordensfrauen vollzog.

Die Entwicklung der letzten Jahrzehnte entsprechend, initierten die Franziskanerinnen 1994/1997/2016 die größte Neuorganisation seit dem Bestehen.

 

1994: Im Zuge eines mehrjährigen Organisationsentwicklungsprozesses entwickelt sich aus der Anstalt Schönbrunn das Franziskuswerk Schönbrunn.

 

1997:  Die Franziskanerinnen gründen die Franziskuswerk Schönbrunn gGmbH für Menschen mit Behinderung.

Das Franziskuswerk Schönbrunn ist als Einrichtung für Menschen mit  und ohne Behinderung am Ort Schönbrunn ansässig und im Norden Münchens tätig. Im Franziskuswerk Schönbrunn sind ca. 1.500 Menschen beschäftigt, die in verschiedenen Einrichtungen für jedes Lebensalter rund 1.800 Menschen begleiten, sie entsprechend fördern und ihnen gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen.http://www.franziskuswerk-schoenbrunn.de

 

2016: Die Franziskanerinnen gründen die Viktoria-von-Butler-Stiftung an die auch die Franziskuswerk Schönbrunn gGmbH übertragen wird.

Die Gründung der Viktoria-von-Butler Stiftung 2016 und die Übertragung des Immobilien-Eigentums der Franziskanerinnen von Schönbrunn in die Stiftung, sind ein wegweisendes Ereignis in der Geschichte Schönbrunns und sichert die Arbeit mit und für Menschen mit Unterstützungsbedarf.  http://www.viktoria-von-butler-stiftung.de

 

Rückbesinnung und Neuorientierung für die Franziskanerinnen von Schönbrunn

Der gesellschaftliche Wandel in unserer Zeit sowie der Geburtenrückgang über viele Jahrzehnte sind ein Faktum, warum die Eintritte in Ordensgemeinschaften zurückgehen. Die Glaubenskrise und Glaubensnot in Kirche und Gesellschaft führen dazu, dass heute nur wenige Menschen geistliche und kirchliche Berufe ergreifen. Die globale und multikulturelle Gesellschaft mit ihren unterschiedlichen Religionen, Kulturen, Meinungen und Einstellungen erfordert zudem neue Antworten und Lebensentwürfe.

1984 zählte der Orden 273 Schwestern. Ende 2010 gehörten den Franziskanerinnen von Schönbrunn 97 Schwestern an, zu Beginn 2021 sind es 48 Schwestern. Durch die rückläufige Mitgliederzahl sieht sich die Gemeinschaft heute vor neue Fragen und Herausforderungen gestellt.

Das Kloster der Franziskanerinnen versteht sich heute als Geistliches Zentrum im Pfarrverband Röhrmoos-Hebertshausen.

Ein Geistliches Zentrum ist immer dort, wo Menschen an die Gegenwart Gottes glauben, diese feiern und lebendig halten. Es wird gestaltet von Menschen, die selbst einen geistlichen Weg gehen und ihre Erfahrungen mit anderen teilen.

Hier kommt zum Ausdruck, wofür die Franziskanerinnen von Schönbrunn da sein wollen. Den Blick auf Menschen richten, die sich für eine franziskanisch geprägte Lebensweise interessieren. Den Glauben teilen, Anteil geben im Alltag, im franziskanischen Geist solidarisch mit bedürftigen Menschen leben.